Was ist sinnvolle Prävention?

Was ist eigentlich Prävention?

"[Grundsätzlich bezeichnet] Prävention […] allgemein Bemühungen mit dem Ziel belastende Lebensereignisse […] zu verhindern oder ihre Auswirkungen abzumildern" (Kindler 2003: 10).

 

Die Schwierigkeit mit der sich Erziehungsbeauftragte häufig konfrontiert sehen, ist die Frage, welche präventiven Angebote und Maßnahmen gut bzw. nachhaltig und welche eher schlecht oder sogar gefährdend sind.

 

Was viele nicht wissen ist: Gute Prävention beginnt bereits in der Erziehung und im vorbildhaften Verhalten der Bezugspersonen gegenüber dem Kind. 

 

Im Allgemeinen verfolgt gute Prävention das Ziel Kinder und Jugendliche zu ermutigen bzw. zu unterstützen, deren eigene Kräfte, sowie ihre gesamte Persönlichkeit zu stärken, sodass diese zu selbstständigen Erwachsenen heranwachsen (vgl. Braun a 1995: 12).

 

Ganz konkret sollen Kinder und Jugendliche in ihren Abgrenzungs- und Eigenkompetenzen gestärkt und gefördert werden:

  • Eigene Bedürfnisse kennen lernen
  • Klarheit darüber gewinnen, wer welche Sachen mit ihnen machen darf und wer auf keinen Fall (vgl. Lappe 1993: 18).
  • Eigene Gefühle wahrnehmen
  • Unterscheidung zwischen angenehmen und unangenehmen Berührungen
  • "Komisches Gefühl im Bauch" als Warnsignal ernst nehmen, egal bei welchem Menschen dieses auftritt
  • Unterschied zwischen „guten“ und „schlechten“ Geheimnissen kennen lernen

 Gute Prävention fängt schon Zuhause in der eigenen Familie an:

Vielen Erwachsenen ist nicht bewusst, wie viel Einfluss sie mit ihrem Verhalten auf Kinder haben. Deshalb ist es äußerst wichtig, abschätzige Bemerkungen und Verhaltensweisen als Formen sexueller Gewalt zu erkennen und dagegen vorzugehen, um so potenziellen Tätern und dem Kind klar zu signalisieren, dass solch ein Verhalten nicht toleriert wird. Denn, wenn Bezugspersonen nicht eindeutig einschreiten, geben diese ihre „stillschweigende Erlaubnis“ für diese Grenzverletzungen.

  

 

Schlechte Prävention erkennt man hingegen daran, dass sie mit „Verängstigung, Desinformation, Schuldzuweisung, Einschränkung der Bewegungsfreiheit [und] Verstärkung der kindlichen Abhängigkeit“ arbeitet (Braun a 1995: 9).

  • Angst als eine Form von Prävention ist wenig wirksam, da Angst eher lähmt als zur Veränderung anregt. 
  • Kindern und Jugendlichen wird oftmals auch vorenthalten, wer Täter/Täterinnen sind. Sie werden vor fremden Männern gewarnt, obwohl tatsächlich ca. 80 % der Fälle im familiären oder sozialen Nahraum geschehen. Wenn man Kindern das verheimlicht, müssen „eventuell betroffene Kinder […] davon ausgehen, dass ihr Fall die große Ausnahme und daher am besten totzuschweigen ist.“ (Lappe 1993: 15). 
  • Ausschließliches Erlernen körperlicher Abwehr gegen mögliche Angriffe, bei gleichzeitiger Erwartung, dass sich das Kind den Eltern weiterhin unterordnet. -> Genau im Gegenteil soll die gesamte Persönlichkeit grundlegend gestärkt werden und sie sowohl zu einem klaren NEIN befähigen als auch zu einen JA zu den eigenen Bedürfnissen (vgl. Braun a 1995: 12).
  • Hellhörig sollten Eltern auch dann werden, wenn Präventionsmaßnahmen auffällig einfach und unaufwändig erscheinen (z.B. einmaliger Besuch eines Selbstbehauptungskurses).

Unabhängig vom Inhalt und den Methoden einer Präventionsmaßnahme, sollte Kindern und Jugendlichen auf jeden Fall vermittelt werden, dass „niemals das Opfer, sondern immer der Täter/ die Täterin allein verantwortlich für sexualisierte Gewalt“ ist.

 

Literaturangaben (ergänzend zu eigener Literatur):

Braun, G. a (1995): Der Alltag ist sexueller Gewalt zuträglich- Prävention als Antwort auf „alltägliche“ Gefährdungen von Mädchen und Jungen. In: Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) (Hrsg.): Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen. Sichtweisen und Standpunkte zur Prävention. Köln: Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS), S. 9-13

Lappe, K. (1993): Der „böse Onkel“ hat – hoffentlich – ausgedient! Zur Entwicklung der Prävention von sexuellem Mißbrauch an deutschen Schulen. In: Lappe, K./ Schaffrin, I. / Timmermann, E./ u.a. (Hrsg.): Prävention von sexuellem Mißbrauch. Handbuch für die pädagogische Praxis. Ruhnmark: Donna Vita, S. 13-44